Interview

Portraitbild Dr. Lothar Ebbertz
Dr. Lothar Ebbertz (Quelle: Bayerischer Brauerbund)

Nachgefragt bei
Dr. Lothar Ebbertz

500 Jahre Reinheitsgebot, 15 Jahre EU-Schutz fürs Bayerische Bier: höchste Zeit für ein Gespräch mit Dr. Lothar Ebbertz, dem Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds, über tiefe Wurzeln und jüngste Trends.

Herr Dr. Ebbertz, welche Bedeutung hat das Bayerische Reinheitsgebot heute noch?

Der Trend heißt „Back to the roots“, zurück zu den Wurzeln. Die Verbraucher suchen Nahrungsmittel ohne Zusätze. Sie wollen Natürlichkeit, Ursprünglichkeit, Milch vom Bergbauern genauso wie reines, unverfälschtes Bier. Das Reinheitsgebot garantiert diese Natürlichkeit und sichert ein Höchstmaß an Transparenz. Die Brauer wiederum sind stolz auf 500 Jahre Reinheitsgebot – und loten heute mehr denn je aus, wie viel Genussvielfalt es hervorbringen kann.

Biere, die das g.g.A.-Zeichen tragen, müssen strenge Kriterien erfüllen. Wie passt das g.g.A.-Regelwerk zum Craft-Trend, der mit manchen Traditionen bricht?

Das g.g.A.-Zeichen steht genauso wie das Etikett „Craft“ für handwerkliche Tradition, für besondere Rohstoffe und den herausragenden Charakter eines Bieres. Doch ein Weißbier mit g.g.A.-Zeichen soll die typische Frucht- oder Bananennote, ein Bayerisches Pils g.g.A.  eine bestimmte Bittere aufweisen. Außerdem muss ein Produkt seit mindestens 25 Jahren auf dem Markt sein, damit es überhaupt den EU-Herkunftsschutz beantragen kann. Viele Craft-Biere entsprechen den g.g.A.-Kriterien. Aber man muss nicht jedes Trendbier in g.g.A. pressen!

 

Craft-Trend? Craft-Tradition!

 

 

Craft-Biere nennt man handwerklich gebraute Biere, denen man das Können und die Kreativität des Brauers genauso wie die sorgsam ausgewählten Zutaten anschmeckt. Sie stammen meist aus kleinen oder mittelständischen Brauereien. Das kommt Ihnen bekannt vor? Logisch, findet Dr. Lothar Ebbertz vom Bayerischen Brauerbund:
„Bayern ist schon seit 500 Jahren Craft!“

 

 


Wen erreichen Sie mit der Einladung, beim Biertrinken den Genussreichtum zu erforschen?

Das geht quer durch alle Verbraucherschichten. Das offenste Publikum finden wir bei jüngeren Leuten. Hier spüren wir eine neue Begeisterung für Bier: Sie besuchen Bier-Events, Verkostungen, Braukurse, brauen selbst zu Hause. Und sie differenzieren. Beim Grillen an der Isar Bier aus der Flasche zu trinken, ist für sie genauso ein Genusserlebnis wie das Festbier aus dem Maßkrug oder die Halbe Helles in der Wirtschaft. Aber sie verkosten neue Biere auch genussvoll aus dem Degustationsglas, sind in der Bier-Bar neugierig und offen für Empfehlungen des Biersommeliers und zeigen eine Begeisterungsfähigkeit für Bier, die unsere Branche lange vermisst hat.

Muss ich einen Workshop besuchen, um meinen Biergenuss zu vertiefen

Eine gute Idee – aber Sie können auch zu Hause Biere ganz bewusst genießen. Wählen Sie beim nächsten Einkauf mal zwei, drei andere Sorten. Füllen Sie Bier in ein Burgunderglas – aber höchstens halbvoll. Schwenken Sie das Glas leicht, lassen Sie den Duft auf sich wirken! Schließen Sie beim ersten Schluck die Augen und geben Sie dem Biergeschmack die Chance, sich zu entfalten.

Neben der Natürlichkeit sind auch regional verwurzelte Produkte gefragt. Hat das Bierland Bayern hier einen Vorteil im Wettbewerb?

Lange Zeit beherrschte das Pils bundesweit mehr als zwei Drittel des Markts. Bayern ist da schon immer ausgeschert, hat seine mittelständischen Strukturen bewahrt und Spezialitäten gepflegt, seine Weißbiere, sein Helles, das Zwickelbier oder das Schwarzbier. Diese Vielfalt wird heute immer stärker nachgefragt – und Bayern kann sie mit traditionellen, authentischen Produkten bedienen. In Bayern bekommt der Bierliebhaber das echte Dunkle, das echte Helle, den echten Zoigl. Der Erfolg: Wir erleben beim Bierabsatz in Bayern im Gegensatz zum bundesweiten Abwärtstrend einen Zuwachs.

Das Bayerische Weißbier hat inzwischen die ganze Welt erobert. Wie steht es mit einem weiteren südbayerischen Klassiker, dem Hellen?

 

Viele norddeutsche Pils-Biere haben in den letzten Jahren, dem allgemeinen Geschmack folgend, Bittere verloren. Die Konsumenten suchen mildere, weniger hopfenbetonte Biere. Die bayerischen Brauer haben mit dem traditionellen Bayerischen Hellen ein Bier, das diesem Wunsch nach einem hellen und blanken, aber milderen Bier genau entspricht. Doch das Helle hatte lange ein Imageproblem. Das Pils in der edlen Tulpe und das Weißbier im schlanken, hohen Glas stachen hervor; das Helle war das „ehrliche Bier“ im 0,5-Liter- Willibecher. Genau solche ehrlichen, authentischen Biere ohne „Schnickschnack“ sind heute wieder gefragt.

 

...   und echte Spezialitäten?

 

Genau. Dazu tragen die Biersommeliers genauso wie die Craft-Bier-Bewegung bei: Sie machen Lust auf sensorische Erlebnisse und eröffnen dem Bier neue Konsumanlässe. Wir erreichen jetzt auch Menschen, die beim Biertrinken ein Genusserlebnis und die Auseinandersetzung mit dem Produkt suchen.