EU-Herkunftszeichen: Mehr als nur hübsches Dekor

EU-Herkunftszeichen garantieren regionale Geschmackserlebnisse mit kontrollierter Spitzenqualität und Sicherheit.


München, November 2015 – Die EU kennzeichnet Agrarerzeugnisse und Lebensmittel mit Regionalität und Rezepttradition mit bestimmten Herkunftszeichen. Hinter den gelb-blauen bzw. gelb-roten Signets verbirgt sich aber weitaus mehr als nur ein weiteres Ornament im Verpackungsdesign: Denn neben einer bestimmten Herkunft garantieren die EU-Zeichen ein immer gleichbleibendes Geschmackserlebnis auf hohem Qualitätsniveau – bedingt durch strenge Prüfverfahren und regelmäßige Kontrollen. Plagiate, die unter dem gleichen Namen, aber mit veränderter Rezeptur, Herstellungsart oder Güteanspruch hergestellt werden, sind im Handel klar von den Originalen zu unterscheiden. Somit werden Verbraucher vor Geschmacksenttäuschungen bewahrt und gleichzeitig Erzeuger und Hersteller vor Nachahmung bzw. Missbrauch geschützt.

Rund 1.300 ausgewählte europäische Lebensmittel sind bereits unter dem EU-Herkunftsschutz „geschützte geografische Angabe“ (g.g.A.) bzw. „geschützte Ursprungsbezeichnung“ (g.U.) gelistet. In Deutschland sind rund 80 Produkte mit einem der beiden Gütesiegel ausgezeichnet; Bayerisches Bier g.g.A., Allgäuer Bergkäse g.U., Rindfleisch aus Bayern g.g.A. oder Nürnberger Rostbratwürste g.g.A. gehören zu den rund 30 EU-geschützten Schmankerln aus Bayern. Sie alle haben das langwierige Antragsverfahren durchlaufen, das die Aufnahme unter den EU-Schutzschirm mit sich bringt.

Der lange Weg zur EU-Zertifizierung

Aufgrund intensiver Prüfungen und wegen des Durchlaufens verschiedener Instanzen kann die Anerkennung als EU-geschützte Spezialität mehrere Jahre dauern. Am Anfang steht eine Schutzgemeinschaft, also ein Kollektiv an Landwirten, Erzeugern und Herstellern, die ein regionales Agrarerzeugnis oder Produkt schützen lassen wollen. Der erste Weg führt zum Patentamt: Im offiziellen Antrag werden Parameter und Normen für das Produkt in einer Spezifikation definiert, zum Beispiel handwerkliche Erzeugung und inhaltliche Angaben bis hin zu Größe, Gewicht und Struktur. Diese Spezifikationen werden vom Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) geprüft und befürwortet, falls weder Patentamt noch etwaige Dritte (zum Beispiel Verbände aus anderen Regionen) Einwände haben. Das Bundesministerium der Justiz – als übergeordnete Behörde – leitet den Antrag weiter zur nächsten Instanz: der Europäischen Kommission. Hier wird der Antrag vom zuständigen Ausschuss diskutiert, erneut genau geprüft und Rückfragen geklärt. Im Idealfall stimmt die EU dem Antrag zu und veröffentlicht ihn im dritten Schritt im Europäischen Amtsblatt, wo der Antrag wiederum drei Monate öffentlich einsehbar ist und von anderen Staaten aus dem EU-Herkunftsabkommen angefochten werden kann. Sollten bis Ablauf dieser Frist keine Einwände erhoben werden, wird das Produkt in die Europäische Spezialitätendatenbank DOOR aufgenommen und darf die Herkunftsbezeichnung „g.g.A“ bzw. „g.U.“ tragen.

Umfassender Schutz, aber auch strenge Kontrolle!

Sobald eine Spezialität unter dem EU-Herkunftsschutz steht, ist sie vor Nachahmung geschützt. Gleichzeitig steht das Produkt aber auch von nun an unter ständiger Beobachtung und Kontrolle, um den hohen Qualitätsansprüchen der Europäischen Union weiterhin gerecht zu werden. In Bayern überwacht eine zugelassene Kontrollstelle im Auftrag der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) direkt bei den Herstellern und Produzenten die genaue Einhaltung der Spezifikationen. Diese Prüfungen finden mindestens einmal im Jahr statt, die Kontrollart ist vergleichbar mit der Öko-Kontrolle. Während einer Prozesskontrolle vor Ort prüfen die Auditoren anhand individueller Checklisten die Einhaltung der in der Spezifikation festgelegten „g.g.A.“- bzw. „g.U.“-Kriterien. Rezeptur, Herstellungsart, Geschmack und vor allem auch Qualität müssen immer gleichbleibend hoch sein.

Schutz für Erzeuger und positive Auswirkungen auf die Wirtschaft

Mit der Deklaration als „g.g.A.“- oder „g.U.“-zertifizierte Spezialität setzt die EU ein klares Signal im Kampf gegen irreführende Bezeichnungen und Plagiatoren. Die Konsequenz daraus ist ein Fortbestehen von handwerklichen Berufen und die Wahrung von Arbeitsplätzen und beruflichen Existenzen. Die Nutzung des europäischen Schutzsystems kann zudem einen erheblichen Beitrag zur Verbesserung der Wertschöpfungs- und Erlössituation in der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft leisten und langfristig Wettbewerbsvorteile sichern: Die Herkunftszeichen sollen das Bewusstsein der Konsumenten für regionale Produkte stärken. Die gehobene Qualität und besondere Güte der Lebensmittel rechtfertigen zudem eine geregelte Preispolitik unter Ausschluss von Preiskonkurrenz durch minderwertige Nachahmungsprodukte.

Damit es auch morgen noch so schmeckt, wie es schmeckt

Manche regionale Spezialitäten weisen eine jahrhundertealte Rezepttradition vor und haben schon Generationen vor uns begeistert. Das Bayerische Bier g.g.A. zum Beispiel feiert nächstes Jahr 500 Jahre Reinheitsgebot und Allgäuer Emmentaler g.U. wird seit über 200 Jahren tief im Bayerischen Süden hergestellt. Durch die Auszeichnung „g.g.A.“ bzw. „g.U.“ garantiert die EU dem Verbraucher  eine Art „Regionalität Plus“: Verlässlichkeit und absolute Nachvollziehbarkeit bei immer gleichbleibender, geprüfter Qualität – und ein unvergessliches Geschmackserlebnis heute, morgen und in den kommenden 100 Jahren.

So kann man zum Beispiel sicher sein, dass die Nürnberger Rostbratwurst g.g.A. seit mehr als 700 Jahren – im Jahre 1314 erstmals urkundlich erwähnt – nur aus reinem, fettfreiem Muskelfleisch vom Schwein, Majoran, Salz und Pfeffer besteht. Keine andere Bratwurst ist qualitativ so hochwertig wie der Winzling aus Nürnberg, denn minderwertigeres Fleisch oder die Zugabe von Wasser für ein sämigeres Brät sind strengstens verboten. Genauso streng überprüft die EU, dass Allgäuer Bergkäse g.U. ausschließlich und zu 100 Prozent aus frischer Allgäuer Rohmilch gekäst wird und mindestens vier Monate reift; gemäß der Spezifikation nach dem EU-Herkunftsschutz darf Bayerisches Rindfleisch g.g.A. nur von Tieren stammen, die in Bayern geboren und aufgezogen und bis zur Schlachtung nicht weiter als drei Stunden transportiert wurden. Das Fleisch weist einen deutlich niedrigeren pH-Wert auf und ist in Qualität und Geschmack deutlich zarter.

Ausführliche Informationen rund um den EU-Herkunftsschutz und wie er in Bayern funktioniert, finden Sie hier. Eine Übersicht der geschützten Spezialitäten finden Sie in der Spezialitäten-Datenbank DOOR http://ec.europa.eu/agriculture/quality/schemes/index_de.htm